Der Ton macht die Musik

Der Ton der Politikern gegenüber angeschlagen wird, wird rauer. Mitunter mehr als akzeptabel ist. Ein Kommentar von Bernd Lynack.

von Bernd Lynack
Seit 2013 bin ich Mitglied des niedersächsischen Landtages und damit Berufspolitiker. Das ist jetzt ziemlich genau 6 Jahre her. In dieser Zeit hat sich viel getan im Kontakt zwischen Politik und Bürger_innen.
Als ich 2012 meinen ersten Wahlkampf vorbereitete, haben wir in meinem Team noch darüber diskutiert, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Facebook-Seite zu eröffnen. Es gab damals Kandidierende, die es nicht einmal für nötig hielten, eine Website zu haben, geschweige denn Social Media. Das hat sich seitdem geändert. Und das ist auch gut so. Aus meiner Sicht braucht es einen einfachen, direkten Draht von den Bürger_innen zu den Menschen, die sie im Parlament vertreten.
Das hat durchaus auch einen praktischen Hintergrund. Auch wenn ich mit der Stadt Hildesheim einen Wahlkreis habe, der von der Fläche überschaubar ist, kann ich nicht dauernd in allen Stadtteilen vor Ort sein. Auch kann man wirklich nicht erwarten, dass sich die Bürger_innen ständig von sich aus mit Politik zu beschäftigen. Gerade bei der Landespolitik sind die Informationsmöglichkeiten durchaus überschaubar. Wenn dann aber doch Interesse besteht oder es ein Problem gibt, sollten es die Bürger_innen einfach haben.
Deshalb möchte ich den Menschen in Hildesheim (und darüber hinaus) ein schnell zugängliches Informationsangebot machen und natürlich auch für Fragen, Kommentare und Anregungen zur Verfügung stehen. Ich sehe das als meine Pflicht an, zumal ich von den Menschen in Hildesheim zum wiederholten Male persönlich als Vertretung im Landtag bestimmt wurde. Deshalb lege ich Wert auf eine informative Website und aktuelle Profile auf Facebook und Instagram.
Dazu gehört für mich auch, dass ich Mails, Nachrichten und Kommentare beantworte. Auch wenn sie nicht aus meinem Wahlkreis oder zu meinen Fachgebieten kommen. Und selbstverständlich auch dann, wenn es Kritik ist. Nicht alle meiner Kolleg_innen handhaben das so und ihre Gründe dafür kann ich teilweise sogar verstehen.
Es ist der mitunter aggressive Ton, der Hass und die persönliche Verachtung, die uns Politiker_innen mitunter entgegenschlägt. Das passiert bei uns in der Landespolitik übrigens nicht bei vermeintlichen Reizthemen wie Migration, die im Netz von rechten Trollen dauernd bespielt werden. Es sind stattdessen oft Themen, die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft betreffen und zu der sich dann in einer betroffenen gesellschaftlichen Gruppe Protest bildet. Beispiele dafür sind die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung von Lehrkräften, die Straßenausbaubeiträge oder aktuell die Pflegekammer.
Dabei ist es selbstverständlich vollkommen legitim gegen ein politisches Projekt oder gegen einen Beschluss zu sein. Viele der genannten Argumente kann ich persönlich sehr gut verstehen und bis auf wenige Ausnahmen habe ich kein Problem mit Kritik. Im Gegenteil, ich freue mich ehrlich über den Austausch und erlebe viele dieser Kritiker_innen als beeindruckende, politisch aktive Menschen.
Problematisch sind dagegen einzelne, die online jede Form eines respektvollen Umgangs vermissen lassen. Andere Meinungen werden nicht akzeptiert, sind schlicht unzulässig. Dass man aus einer anderen Perspektive zu einem anderen Schluss kommen kann, ist unvorstellbar. Mir wird abgesprochen, über Entscheidungen Gedanken gemacht zu haben. Mir wird vorgeworfen, aus purer Dummheit oder Niedertracht zu handeln.
Es ist an dieser Stelle nicht möglich, näher ins Detail zu gehen. Was ich mit unter lesen muss, der Umgangston gegenüber mir persönlich, aber auch der Politik generell gegenüber ist teils voller Verachtung. Meinen weiblichen Kolleginnen gegenüber ist die Ansprache sogar zum Teil noch eine Spur schlimmer.
Diese Umgangsformen finde ich sehr bedauerlich. Persönlich komme ich damit klar. Ich stelle jedoch fest, dass all dies das politische Klima mitunter vergiftet. Noch schlimmer ist, dass die Ausfälle im Zweifel der Sache schaden und denen, die ‘anständig’ für eine Sache streiten.
Diese persönlichen Anfeindungen nehmen nach meiner Wahrnehmung zu. Ein gutes Patentrezept dagegen ist mir bislang nicht eingefallen. In jedem Fall werde ich weiter für Fragen und Anliegen ansprechbar bleiben und unangenehmen Themen weiter nicht aus dem Weg gehen. Vielleicht gelingt es uns, durch Dialog und Austausch wieder mehr Mitgefühl und Respekt füreinander aufzubringen. Vielleicht auch (wieder) im direkten Gespräch. Nach wie vor bevorzuge ich diesen Austausch, wenn es um Kritik und emotionale Themen geht und biete dies – auch jenseits meiner regelmäßigen Sprechstunden – immer wieder an. Entgleisungen – wie im vermeintlich anonymen Netz – habe ich in direkten Gesprächen bisher noch nicht erlebt. Vielleicht gelingt es in unseren Kommentaren einfach daran zu denken, wie wir im persönlichen Gespräch miteinander umgehen würden. Zu wünschen wäre es uns allen allemal.